Dieser Blogpost beschäftigt sich mit den ersten zwei Bänden der Myrie Zange Reihe von skalabyrinth, „Myrie Zange – Die Symmetrie der Schneeflocken“ und „Myrie Zange – Das Spiel“.

Eins vorneweg: Ich habe noch nie eine Buchrezension geschrieben (zumindest wenn man von den Toots zu den gleichen Büchern absieht). Diese Bücher haben mich so berührt und bewegt, dass ich einen Drang verspüre, meine Gedanken (und Gefühle) zu ihnen aufzuschreiben, über den Umfang von ein paar Toots hinaus.


„Myrie Zange“ ist ein(e) Buch(reihe) die anders ist, als alles, was ich zuvor las. Während ich in meiner Jugend sehr viel gelesen habe, ist mir die Fähigkeit ein Buch in angemessener Zeit1 zu lesen irgendwann während des Studiums (vielleicht auch schon etwas früher) abhanden gekommen. – Dachte ich zumindest. Vielleicht hat mir auch nur einfach das richtige Buch gefehlt?!2

„Myrie Zange“ hat mich absolut in seinen Bann gezogen. Ich habe vor ca. einem Jahr den ersten Teil gelesen, als PDF auf dem Handybildschirm. Ich wollte eigentlich nur mal kurz anlesen und konnte es dann nicht mehr weglegen. Den zweiten Teil habe ich seit letztem Herbst in der gedruckten Fassung gelesen. Also eigentlich habe ich auf der Heimfahrt, nachdem ich das Buch abgeholt habe das erste Drittel im Zug gelesen. Die anderen zwei Drittel habe ich dann die letzten beiden Tage regelrecht verschlungen.

Der Schreibstil

Ich möchte hier gar nicht groß auf die Handlung eingehen. Die ist für mich fast sekundär. Ich bin begeistert von der Welt in der die Geschichte spielt, von den Charakteren, aber vor allem auch vom Schreibstil. Skalabyrinth bricht hier mit Normen, Grammatik wird als grobe Richtlinie gesehen, Vokabeln frei erfunden, Konventionen ignoriert. Ich kann es nicht besser ausdrücken, als ich es im November in einem Toot tat:

Myrie Zange ist nicht nur eine Reise zu Orten in Maerdha; es ist auch eine Reise weg von normativer Sprache. Und damit meine ich nicht im inhaltlichen sondern in der Form. Der Schreibfisch schreibt, wie es iem passt, unabhängig von Konventionen. „Aber das schreibt man doch anders!“, „Was ist das für eine komische Satzkonstruktion?“, „Das ist aber kein echtes Wort!“ und ähnliches kann im Prolog abgelegt werden und nach der Vorstellung wieder abgeholt am besten dort vergessen werden.

Diese kreative Verwendung von Sprache fühlt sich geradezu befreiend an. Sie unterstützt den Inhalt, ist vielleicht sogar Voraussetzung für diesen! Teilweise musste ich über die Formulierungen und Wortschöpfungen schmunzeln, teilweise war ich kurz irritiert und einen Großteil hab ich vermutlich einfach gar nicht war genommen.

Die Sprache ist so untrennbar mit dem Werk, mit Myrie verbunden, würden alle grammatikalischen Regeln eingehalten, nur etablierte Wörter verwendet werden, würden die Konventionen befolgt, ich glaube es wäre ein gänzlich anderes Werk, eine andere Protagonistin.

Die Welt

Aber wie vorhin schon erwähnt, nicht nur der Schreibstil hat es mir angetan. Ich wurde auch verzaubert von der Welt in welcher die Geschichte spielt.

Diese Welt ist eine bunte Mischung aus Arda (unter Anderem) aus dem Herr der Ringe3, unserer eigenen Welt, (Retro?-)Futurismus und Utopie. Wir haben die verschiedenen Völker, wie wir sie oft in Fantasy finden, Elben, Zwerge, Orks, Lobbuds4, Riesen, etc. Die Uhr, wurde aber im Vergleich zur meisten anderen Fantasy, um ein paar tausend Jahre nach vorne gedreht, damit fühlt es sich zeitlich an nach Mittelalter und ferne Zukunft zugleich.

Es ist Science Fiction, aber nicht „wir düsen mit unseren Raumschiffen von Planet zu Planet“-Science-Fiction sondern „wir stellen uns Technologie vor, die unser Leben besser macht“-Science-Fiction.

Aber nicht nur die Wissenschaft ist stark vorangeschritten, auch die Gesellschaft hat relevante Fortschritte gemacht. Wir befinden uns in einer utopischen Welt, in der die Bedürfnisse aller möglichst erfüllt werden. Lernen ist stark auf die einzelnen Schüler*innen, deren Interessen und Fähigkeiten, zugeschnitten.

Und auch wenn das wieder mehr die Form betrifft als den Inhalt: Ich liebe es, wenn Bücher Karten haben und einen Anhang, der Mechaniken der Welt erklärt.

Die Charaktere

Zuletzt die Charaktere. Das Buch ist geschrieben aus Sicht Myries. Myrie ist ein autistischer Zwork5 und erlebt von früh auf, wie es ist anders zu sein. Aufwachsend zwischen Zwergen fällt sie einerseits optisch auf, aber auch ihre Denkweise ist oft nicht mit der anderer kompatibel.

Wir bekommen ihre Probleme mit andere zu verstehen, ihre eigenen Bedürfnisse zu artikulieren, und generell in einer Welt zu navigieren, die nicht für sie ausgelegt ist. Zwar geben sich viele Mühe auf Myries Bedürfnisse einzugehen, trotzdem kommt es immer wieder zu Missverständnissen und Überforderung auf beiden Seiten.

Im Internat trifft Myrie gleich auf mehrere Personen, mit denen sich starke Freundschaften entwickeln. Wir begleiten die persönliche Entwicklung Myries sowie die ihrer Freundesgruppe.

Selten, wenn überhaupt, habe ich mich beim lesen so sehr in die Protagonistin rein fühlen können. Ich habe bei keinem anderen Buch so viel Emotion gespürt, wie bei Myrie Zange.

Spannung

Um jetzt doch nochmal auf die Handlung einzugehen. Die Geschichte ist unglaublich spannend. Ich habe bis zum ersten Band von Myrie Zange noch nie Kapitel(!) halb übersprungen6, weil ich die Spannung nicht ausgehalten habe, bis ich normalerweise zur Auflösung käme.

Aber die Spannung ist meistens nicht verursacht durch lebensbedrohliche Situationen. Die Spannung ist in den allermeisten Fällen eine, die aus interpersönlichen Problemen, Missverständnissen, Überforderung entsteht.

Vielleicht war es auch ebendeswegen so spannend. Wenn ich ein Buch über einen „Selukreh“ lese und dieser gegen eine mehrköpfige Schlange kämpft, dann mag das spannend sein, aber dennoch kann ich als Leserin mir recht sicher sein, dass Selukreh das Duell überlebt, denn was sollte denn sonst auf den restlichen Seiten noch stehen? Wenn die Gefahr nicht der Tod des Charakters ist, sondern „nur“ ein Ausschluss aus Gesellschaft/Schule/Freundesgruppe/Wasauchimmer, kann das Buch danach weiter gehen, auch wenn der Worst-Case eintritt. Und gleichzeitig: wie Oft habe ich Situationen auf Leben-und-Tod erlebt? Und wie oft habe ich Angst einen gesellschaftlichen/sozialen Fauxpas begangen zu haben? Ich schätze die Art der Gefahr ist einfach viel alltäglicher7 und damit geht sie mir näher.?

Bitte & Danke

Um den Bogen zu so etwas wie einem Abschluss dieses Posts zu finden: skalabyrinth, du bedankst dich unter Anderem bei „alle[n] Personen, die das Werk lesen und etwas Gutes für sich daraus mitnehmen können“, und ich kann da nur antworten: Es war mir uneingeschränkt eine Freude!

Ich danke dir, dafür dieses Werk geschaffen zu haben und mit der Welt zu teilen.

Es ist gerade nur etwas über ein Jahr her, dass ich angefangen haben zu das zu lesen, aber Myrie hat mich dazu gebracht Wandern als Hobby für mich zu entdecken und ich glaube (unter Anderem) das hat mich gerade so vor dem Bournout bewahrt.


  1. „angemessene Zeit“ ist hier vielmehr ein Anspruch an mich selbst, als dass es meiner Meinung nach tatsächlich eine Zeitdauer gäbe, die angemessen ist ein Buch zu lesen. Wenn du ein Jahr pro Kapitel brauchst, ist das auch noch angemessen, solange du dich damit wohl fühlst. Ich möchte an dieser Stelle mehr die Frustration über mich selbst und mein ADHS ausdrücken, das es mir nicht gelingt Bücher in einer Zeit zu lesen, die ich angenehm finde. Vielleicht hätte ich hier auch „mir angenehme Zeit“ schreiben können. Hab ich aber nicht, und das ist jetzt der keine-Ahnung-wie-vielte Neu-Anfang dieses Blogposts, dass das jetzt so da stehen bleibt. ↩︎

  2. Das hier ist mein eigenes Blog, es hindert mich niemand daran eine Schriftart zu verwenden, die das Interrobang kennt. Außer meine Faulheit. ↩︎

  3. Tatsächlich heißt auch die Welt von Myrie Arda. ↩︎

  4. entspricht Hobbits ↩︎

  5. eine Mischung aus Zwerg und Ork ↩︎

  6. ich habe die Kapitel dann im Nachgang trotzdem noch komplett gelesen. ↩︎

  7. Zumindest mir als Autistin, ich kann ehrlich nicht sagen, wie sehr Neurotypische das erleben. ↩︎